Birkenpech

Birkenpech (syn.: Birkenteer) ist der Universalklebstoff der Steinzeit.

Der älteste Nachweis stammt vom mittelpaläolithischen Fundplatz Königsaue/Sachsen-Anhalt und datiert auf mindestens 80.000 Jahre vor heute. Aus dem Jungpaläolithikum gibt es keine Belege; sie tauchen erst mit dem Spätpaläolithikum (Kettig am Mittelrhein) wieder auf. Im Mesolithikum und bis zum Endneolithikum ist B. an Klebestellen unterschiedlichster Artefakte oder in Form von Rohstücken regelmässig nachgewiesen.

Früheste naturwissenschaftliche Untersuchungen sind bereits aus dem 19. Jahrhundert bekannt. Aber erst der Einsatz moderner Analysemethoden seit den 1960er Jahren lieferte hinreichend sichere Erkenntnisse über die Zusammensetzung von B. und die Bedingungen für dessen Herstellung. Danach ist B. ein thermoplastisches Produkt, das exklusiv aus Birkenrinde auf dem Wege einer trockenen Destillation, d.h. unter Hitzeeinwirkung bei weitestgehendem Sauerstoffabschluss gewonnen wurde. In heissem Zustand ist es flüssig und nach Erkalten hart und, je nach Qualität, splitterig brechend bis zäh. Es besitzt eine schwarze Farbe und gibt im erhitzten Zustand den typischen sog. Juchtengeruch ab. Im Gegensatz zu nicht-thermoplastischen Klebstoffen kann B. jederzeit durch kontrolliertes Erhitzen weich und damit wieder verarbeitbar gemacht werden. Diese Eigenschaft erweist sich als grosser Vorteil, z.B. beim Austausch von beschädigten Projektilköpfen oder von verstumpften Einsätzen an Erntemessern.

Leider hält sich bis heute hartnäckig in der Literatur die unbegründete Behauptung, B. sei im Neolithikum unter Verwendung von keramischen Gefässen (sog. Retorten) hergestellt worden. Die hierfür als scheinbare Belege angeführten Gefässfunde mit partieller Pechfüllung müssen jedoch keinesfalls zwingend auf ihre Verwendung als "Retorten" deuten, sondern können auch zur blossen Aufbewahrung des B. gedient haben. Im übrigen müssten sich in den so zahlreich erhaltenen und intensiv untersuchten neolithischen Keramikinventaren nachgerade regelmässig Reste solcher vermeintlicher Retorten finden, was aber nicht der Fall ist! Schliesslich ist unbestreitbar, dass B. in den vorkeramischen Epochen z.T. in grossen Mengen, wie z.B. im Mesolithikum, anscheinend regelmässig hergestellt worden ist.
Dies bedeutet, dass die modernen naturwissenschaftlichen Analysen zwar die exakten Rahmenbedingungen zur Herstellung von B. ermitteln konnten, aber bis heute das/die paläolithisch-mesolithisch-neolithischen Verfahren unbekannt ist/sind!
Aus dem Mesolithikum und dem Neolithikum sind zahlreiche Funde von Birkenpechklümpchen mit Zahnabdrücken bekannt, die gerne als "Kaugummi" bezeichnet werden. Ob B. indes tatsächlich als Genussmittel gekaut wurde oder ob das Material durch das Kauen lediglich weichgemacht werden sollte, bleibt unbeantwortet.

©   Jürgen Weiner
(Weiner,J. 1999: European Pre- and Protohistoric Tar and Pitch: A Contribution to the History of Research 1720-1999. Acta Archaeometrica 1, 1-109).

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