Örtliches Meßnetz, Gittersystem / local grid

Idealerweise gestaltet sich die Grabungsdokumentation von Anfang an mit den Landeskoordinaten. Immer ideal? Liegen Gebäudereste vor, verlaufen interessanterweise die imaginären Linien der deutschen Gauß-Krüger-Koordinaten zumeist diagonal über den Befund - das kann im täglichen Arbeiten recht lästig sein. Ein örtliches Meßnetz, ganz nach persönlichen Bedürfnissen gestaltet, möge da sachdienlicher, eleganter wirken.

Häufig kommt es vor, daß aktuell aus verschiedensten Gründen ein Zugriff auf übergeordnete koordinatendefinierte Meßpunkte nicht möglich ist. Um arbeiten zu können, ist erst einmal ein örtliches Meßnetz zu schaffen.

In beiden geschilderten Fällen muß dann zu einem späteren Zeitpunkt die Bestimmung von Hauptpunkten des örtlichen Meßnetzes nach den Landeskoordinaten erfolgen - mindestens zwei Punkte sind nötig, besser wären vier Punkte. Diese "Schlüsselpunkte", bekannt sowohl mit örtlichen wie überörtlichen Koordinaten, ermöglichen unter Benutzung diverser Umrechnungsprogramme die Umrechnung jedes beliebigen Punktes in der Grabungsdokumentation auf die Landeskoordinaten, wenn denn die Notwendigkeit besteht. Häufig gibt sich der Auswerter damit zufrieden, die "Schlüsselpunkte" in einer topographischen Karte zu kennzeichnen und ansonsten mit dem Übersichtsplan des örtlichen Meßnetzes zu hantieren.

Kurzer Einschub:
Wie war das mit dem Einmessen auf die Landeskoordinaten?

Genug der Vorrede, jetzt wollen wir die praktische Einrichtung eines örtlichen Meßnetzes ansprechen.

Der klassische Weg ist die besonders sorgfältige Schaffung eines großen rechteckigen Meßrahmens, vermarkt durch solide Meßpunkte unter heutiger Oberfläche.
"Großer Rahmen" > es ist wesentlich genauer, von außen nach innen weitere Meßpunkte in der fortschreitenden Grabung zu setzen.
"Solide Punkte unter heutiger Oberfläche" > Was unter Rasenniveau liegt, kann nicht umgefahren oder umgetreten werden. Eine unauffällige Abdeckung erschwert zudem das Treiben der Grabungsvandalen in den arbeitsfreien Zeiten.

Elektronische Tachymeter erlauben völlig freie Gestaltung. An dieser Stelle sollen Methoden mit elektronikfreier Ausrüstung zur Sprache kommen.

Ein Theodolit ermöglicht sehr genaues Winkelmessen.

  1. Den ersten Eckpunkt setzen und Theodolit darüber positionieren.
  2. Rechten Winkel 90° oder 100 Gon messen und in der Ferne die Blickachse, die Flucht, mit Meßnadeln oder großen Nägeln markieren. Große Entfernungen erfordern Fluchtstäbe.
  3. Vorgesehene Seitenlängen des örtlichen Meßrahmens durch Streckenmessung in der Flucht absetzen und erneut vorläufig markieren. Bis dahin existieren nun drei Eckpunkte.
  4. Nach Pythagoras die Hypotenuse berechnen, die im rechtwinkligen Dreieck die vorläufig markierten Eckpunkte verbindet.
  5. Sorgfältige Streckenmessung der Hypotenuse als Doppelbestimmung, vorwärts und rückwärts gemessen. Geringe Abweichung läßt Mittelwertbildung zu, größere Abweichung erfordert Wiederholung. Weicht die Distanz nun vom Sollwert, der berechneten Hypotenusenstrecke, ab, sind die vorläufig gesetzten Meßpunkte um diesen kleinen Wert zu verschieben. Beispiel: Die gemessene Strecke ist 3 cm kürzer als der Sollwert. Also sind die Meßnadeln um jeweils 1,5 cm nach außen zu verschieben und erneute Messung der Dreiecksseiten!

    Zur Erinnerung folgen Lehrsatz und Beispiel……

  6. Mit dem immer noch über dem ersten Eckpunkt positionierten Theodoliten wird ein Winkel von 45° oder 50 Gon gemessen (nur bei Quadrat!) und in der Flucht markiert. Nicht vergessen > Waren vorher bei der Überprüfung nach Pythagoras (vgl. 5.) Korrekturen nötig, erst erneut auf 0°/0 Gon einstellen!
  7. Ebenfalls nach Pythagoras die zweite Hypotenuse berechnen, nämlich diejenige, die zum vierten Meßpunkt führt. (2.Hyp. = 1.Hyp. bei Quadrat)
  8. Strecke im Gelände messen und vorläufigen Meßpunkt setzen.
  9. Kontrollstrecken zu den Nachbarpunkten messen.
  10. > Hauptpunkte solide vermarken (Pflock unter Bodenniveau, Metallrohr einschlagen oder frostsicher betonieren);
    > Zwischenpunkte nach Grabungserfordernissen setzen. Diese Punktverdichtung kann auch ohne Theodolit mit Maurerschnüren und Maßbändern (bzw. Meßbändern) erfolgen. Lote nicht vergessen.

Mit Rechtwinkelmessung oder einem Maßband, welches innerhalb des Rahmens parallel zu den Rasterlinien geführt wird, kann von außen nach innen jeder Punkt der Grabungsfläche bestimmt werden. Das gilt genauso für die kleinen Rechtecke innerhalb des großen Rahmens: ORTHOGONALMESSUNG.

Selbstverständlich ermöglichen auch einfache Rechtwinkelmeßgeräte, ein örtliches Meßnetz herzustellen, weil durch die kontrollierenden Streckenmessungen Korrekturen möglich sind. Wir streben schließlich auf den Ausgrabungen im Normalfall keine millimetergenauen Ergebnisse an. Allerdings sollten in solchen Fällen die Seitenlängen des Meßrahmens 40 m nicht überschreiten. Unter einfachen Rechtwinkelmeßgeräten sind zu verstehen

Was aber tun, wenn die Grabungsfläche länger mißt als 40 m? Unter diesen Umständen ist die "große Basislinie" die Rettung - ebenes Gelände vorausgesetzt.

Von den oben genannten einfachen Rechtwinkelmeßgeräten kommt für die Einrichtung der "großen Basislinie" nur das Nivelliergerät in Frage. Das Fernrohr mit Fadenkreuz fluchtet nämlich wunderbar geradeaus und drückt perspektivisch das räumliche Bild zusammen. Im vergrößerten Fernrohrbild lassen sich Fluchtkorrekturen viel sorgfältiger durchführen.

Das Nivelliergerät in Sonderverwendung:

  1. Eine gute Voraussetzung, um lange Fluchten im ebenen Gelände zu markieren.
  2. Ausgestattet mit einem Maßband und zwei Loten setzen wir alle 10 m oder 20 m einen Meßpunkt: "Staffelmessung". Fluchtkorrekturen finden ständig über das Fernrohr des Nivelliers statt.
  3. Überall, wo es nötig ist, konstruieren die Ausgräber links oder rechts der "großen Basislinie" sehr sorgfältig einen quadratischen Meßrahmen mittels Rechtwinkelmessung; siehe oben! >>> 30 m - Maßbänder sind noch gut zu handhaben; >>> 50 m – Maßbänder bedürfen geübter Hände und Augen. Jedenfalls bleibt der Meßaufwand auf die notwendigen Grabungsbereiche beschränkt. > > >>>>>Erinnerung: Kein Wettziehen mit den Stahlmaßbändern veranstalten (gut straff, gleichmäßig stark anziehen!), denn die sind geeicht auf 50 N Zugkraft bei +20°C.
    Für Anfänger: Bei Staffelmessung einzelne Stufen höchstens 10m lang, da Durchhang sonst zu stark!

  4. Geht das zu untersuchende Areal mehr in die Breite, helfen 30m-Quadrate weiter. Links und rechts der „großen Basislinie“ ins Gelände gelegt, erlauben diese Rahmen die Schaffung von Verbindungslinien. Dergestalt kann ein großes Areal in 60 m Breite meßtechnisch betreut werden. Das Verdichten des Meßpunktnetzes erfolgt nach Befundanfall im Grabungsfortgang

Koordinatenzählung

Häufig ist zu beobachten, daß der Nullpunkt oder Urpunkt identisch mit einer Ecke des geschaffenen Meßrahmens ist.

Der erfahrene Ausgräber sieht hier zwei Nachteile:

Solche Fallstricke lassen sich schon bei der "Taufe" des Koordinatensystems vorsorglich ausschließen:

>>>>>>>> Man benenne den Eckpunkt des Meßrahmens mit hohen Zahlenwerten, die sich deutlich unterscheiden!

Ein praktikables örtliches Messnetz kann so aussehen:

Wer jetzt noch daran denkt, den Nordpfeil einzutragen, hat nun in dieser Hinsicht alles Nötige getan.

Unzerstörbare Meßpunkte und viel Erfolg,
das wünscht der Norbert Fischer


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